Bauern spüren „positiven Rückenwind“ und bekommen Unterstützung von MdB Mattfeldt

Landwirtschaft – Was am Montag auf den Straßen los war und wie es mit den Protesten im Kreis Verden weitergeht

Landkreis Verden. „Könnt ihr den Trecker kurz zur Seite fahren?“, fragt der Mann in Schwarz. Er ist am Montagmittag zu Fuß zur Verkehrsinsel auf der Kreuzung Lindhooper Straße/Berliner Ring in Verden gelaufen. Dort haben sich inmitten der Wagenburg aus Traktoren die protestierenden Landwirte eingerichtet. In einem alten Ölfass brennt ein Feuer. Es gibt Berliner und Kaffee. Wer hier vorbei will, braucht Blaulicht oder einen guten Grund. Und den kann der schwarze Herr liefern. „Ich bin Bestatter und habe eine Leiche im Auto“, sagt er. „Ich muss zum Krematorium.“ Das lassen die Landwirte gelten, der Bestatter darf passieren.

Vielen Beschäftigten im Landkreis Verden ergeht es am Montagmorgen anders. Im Berufsverkehr sind die Autobahnauffahrten in Oyten, Achim, Langwedel und Verden über Stunden blockiert. Hinzu kommen Störaktionen in den Städten und Gemeinden. Nach Angaben der Polizei stehen zeitweise Trecker in Verden auf dem Kreisel Hamburger Straße/Achimer Straße, an der Einmündung Hamburger Straße/Neumühlen, im Kreisverkehr Osterkrug/Max-Plank-Straße, im Kreisel Eitzer Straße/Berliner Ring sowie an der Einmündung Berliner Ring/Max-Planck-Straße. In Oyten blockieren Landwirte die Kreuzung Oytermühle/Achimer Straße sowie in Achim die Uphuser Heerstraße im Bereich der Anschlussstelle Uphusen. In Ottersberg nehmen die Bauern den Kreisel Große Straße/Grüne Straße vorübergehend in Beschlag.

Polizei muss nicht eingreifen

Wer am Sonntag noch gehofft hat, seine Ruhe zu haben, wenn die Bauern sich erst einmal auf den Weg zur großen Kundgebung in Bremen gemacht haben, wird von den Protestierenden eines Besseren belehrt. Die meisten Landwirte seien gar nicht erst nach Bremen gefahren, sagt ein Bauer. Sie demonstrieren in ihrer Heimatregion und sorgen so dafür, dass die Fahrt zur Arbeit, zur Schule oder zum Kindergarten etwas länger dauert als gewöhnlich. Dabei bleibt es aber insgesamt ruhig. Nennenswerte Zwischenfälle, bei denen die Polizei eingreifen muss, gibt es am Montag nicht.

Im Kreis Verden wird es voraussichtlich in den nächsten Tagen keine weiteren Blockaden geben. „Wir haben für morgen noch nichts geplant“, sagt Henning Müller, der die Proteste am Montagnachmittag im Raum Verden mitorganisiert hat. Auch wenn der Deutsche Bauernverband eine Aktionswoche ausgerufen hat, sieht Müller für den Kreis Verden nicht die Zeit für weitere Proteste gekommen. Er nimmt „positiven Rückenwind“ mit von diesem Tag. Viele Bürger hätten sich solidarisch mit den Bauern gezeigt. Auch 50 Handwerksbetriebe aus dem Kreis hätten sich mit den Bauern solidarisiert und die Proteste unterstützt. Diesen Erfolg will Müller nicht gefährden, indem die Landwirte mit weiteren Blockaden „den Leuten zu sehr auf den Sack gehen“.

Kreislandwirt Jörn Ehlers hat ebenfalls keine Kenntnis von weiteren Blockade-Aktionen im Kreis Verden. Einige Landwirte aus der Region wollen zu einer Kundgebung an diesem Donnerstag in Hannover fahren. Am kommenden Montag geht es für die Verdener Bauern dann wieder nach Berlin. Ihre Forderungen fasst Ehlers so zusammen: Die Bundesregierung soll die geplanten Kürzungen bei der Agrardiesel-Förderung zurücknehmen und die Befreiung von der Kfz-Steuer erhalten.

Auf den Plakaten an den Treckern sind am Montag aber auch andere Themen benannt. „Die Regierung will hungern – ihr auch?“, heißt es dort unter anderem. „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand Pflicht“, steht auf einem anderen Plakat. Und immer wieder fahren Bauern den Spruch „Zieht der Ampel den Stecker“ spazieren. Am Kreisverkehr in Ottersberg ist sogar Ampel an einem Galgen aufgeknüpft worden. „Wir stehen hier ja nicht nur für uns, sondern für alle Bürger“, sagt ein Landwirt. Er würde weiter demonstrieren, selbst wenn die Pläne für Agrardiesel und Kfz-Steuer gekippt würden.

Von einer Vereinnahmung der Bauernproteste durch Rechtspopulisten ist am Montag im Kreis Verden nichts zu sehen. Mit der im Vorfeld geäußerten Sorge, die politischen Ränder könnten versuchen, die Aktionswoche für sich zu nutzen, kann Henning Müller auch wenig anfangen. „Wir sind keine Idioten“, stellt er fest, „und lassen uns vor keinen Karren spannen“.

Unterstützung bekommen die Verdener Landwirte am Montag vom Bundestagsabgeordneten Andreas Mattfeldt. Er besucht die Landwirte, als sie sich am Morgen in Verden-Dauelsen versammeln. Es gibt Kaffee und Spekulatius. Der CDU-Politiker sagt: „Die kämpfen in diesen Tagen für die Interessen aller fleißigen Bürgerinnen und Bürger, die täglich zur Arbeit fahren und Steuern zahlen.“ Die gesetzlichen Alleingänge der Ampel-Regierung führten völlig unnötig zu einer Verteuerung von Transport, Waren und Dienstleistungen. Davon sei letztlich jeder Einzelne betroffen.

Laut Jörn Ehlers haben die Bauern insgesamt „viel Zuspruch von den Bürgern“ erfahren. Natürlich gebe es auch ein paar gestresste Menschen, die die Behinderungen im Berufsverkehr weniger gelassen hinnehmen. „Da bitte ich um Verständnis“, sagt Ehlers und betont, dass jeder durchgelassen werde, der ein dringendes Anliegen habe. Der Verdener Bestatter kann das bestätigen. Auch für Rettungswagen machen die Landwirte schnell die Bahn frei. Eine Sprecherin der Polizei lobt die schnelle Reaktion der Landwirte im Kreis Verden. Zweimal wählen Ärzte den Notruf, weil sie wegen einer Straßenblockade nicht zu ihrem Einsatz kommen. Zweimal sorgen die Bauern vor Ort zügig dafür, dass es für sie weitergeht.

Das bestätigt auch eine Sprecherin der Aller-Weser-Klinik. Bei Rettungstransporten habe es keine Beeinträchtigungen gegeben. Allerdings kommen in den Krankenhäusern in Achim und Verden einige Beschäftigte deutlich zu spät zur Arbeit, weshalb einige Operationen verschoben werden müssen. Ein Mediziner sei schnell durchgekommen, weil er den Protestierenden seinen Arztausweis gezeigt habe. „Pflegekräfte haben solche Bescheinigungen nicht“, sagt die Sprecherin. Ansonsten läuft der Betrieb in den Kliniken ohne Störungen. Die Getränke seien glücklicherweise schon am Wochenende geliefert worden. Das Essen kommt auch am Montag pünktlich an.

Komplizierter ist die Lage für jene, die von Berufs wegen viel auf der Straße unterwegs sind. Taxiunternehmen machen Umsatz, wenn die Fahrer möglichst viele Touren am Tag haben und die Passagiere schnell und zuverlässig ans Ziel bringen. Das ist am Montag wegen der Bauernproteste kaum möglich, wie Günter Zitnik sagt, Fahrer und Disponent bei Taxi Sieling in Verden. „Wir sind heute Morgen nach Nienburg gefahren und haben dafür zwei Stunden gebraucht“, erzählt er. Auch auf die Autobahn Richtung Bremen aufzufahren, sei sehr schwierig gewesen. „Wir können fahren, aber es dauert sehr lange und ist anstrengend“, so Zitnik. Auch innerstädtische Fahrten in Verden hätten wegen der Blockaden deutlich länger als sonst gedauert. „Einige Fahrten konnten wir heute gar nicht annehmen, weil wir nicht hingekommen sind.“ Trotzdem hat Zitnik für die Demonstrationen der Landwirte volles Verständnis, wie er sagt.

VN 09.01.2024