Geschwister treffen sich schon seit 30 Jahren

VON SABINE VON DER DECKEN
Lilienthal-Worphausen. „So viele Anmeldungen gab es noch nie“, staunte Marlies Winkelheide. Alle Plätze im Lilienhof waren beim Treffen zur Erinnerung an 30 Jahre Geschwisterseminare besetzt. Initiiert von Marlies Winkelheide und ermöglicht durch Eugen Kohlenbach, damals Leiter des Niels-Stensen-Hauses, fand 1982 das erste Seminar für Geschwister von Kindern mit Behinderungen und Beeinträchtigungen statt.
Das sei damals im Niels-Stensen-Haus, einer Erwachsenenbildungsstätte, bei den Bildungsangeboten für Kinder ein absolutes Novum gewesen, erinnerte sich Eugen Kohlenbach. „Was wäre gewesen, wenn ich damals Nein gesagt hätte?“, fragte sich der ehemalige Leiter. Er war sicher, dass sich Marlies Winkelheide nicht von ihrem Weg hätte abbringen lassen.
Seitdem bietet die Lilienthalerin Seminare zum Thema „Geschwister“ für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Familien und Fachleute aus der gesamten Bundesrepublik an. Geschwister aus all den Jahrzehnten folgten auch diesmal der Einladung in den Lilienhof und erinnerten sich gemeinsam bei Gesprächen, Musik und Spiel an drei Jahrzehnte Geschwistertreffen. „Die Arbeit war nie gesichert“, meinte Marlies Winkelheide im Rückblick auf die vergangenen drei Jahrzehnte. „Aber es gab immer Freunde, die halfen.“ Mit dem Eintritt der Initiatorin ins Rentenalter im kommenden Jahr aber ist die Unsicherheit über den Fortbestand des Projekts etwas größer geworden.
Heutzutage sei es nicht mehr selbstverständlich, geschützte Räume zur Verfügung gestellt zu bekommen – mit diesen Worten machte Marlies Winkelheide auf die derzeitige Situation aufmerksam. Ihre Hochachtung sprach sie während des Geschwistertreffens der Leistung der Geschwisterkinder aus.
Selbst Geschwisterkind, nahm auch Andreas Mattfeldt, Bundestagsabgeordneter der CDU und Mitglied des Haushaltsausschusses, an diesem Begegnungstag teil. Er bekräftigte im Lilienhof die Absicht, die Geschwisterseminare in den Blickpunkt der Bundespolitik zu rücken und versprach eine finanzielle Unterstützung des Projekts. Mattfeldt überbrachte Grüße der Bundesministerin Kristina Schröder an Geschwister, Familien und Initiatoren und sicherte die Unterstützung des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu. „Sie genießen bereits den VIP-Status“, meinte Mattfeldt.
Es war ein prall gefülltes Programm, das Geschwister, Mitarbeiter und Familien an diesem Tag im Lilienhof erwartete. Trotz alledem blieb genügend Zeit für Gespräche und Erfahrungsaustausch. In einem persönlichen von Marlies Winkelheide verlesenen Grußwort betonte Äygul Özkan, niedersächsische Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration, die Bedeutung der Arbeit mit und für Geschwister von Kindern mit Behinderungen und Beeinträchtigungen. Die Unterstützung der Geschwisterkinder mit Rat und Tat, Verbesserung von Bildungsangeboten, Austausch mit anderen Kindern und das Gefühl, nicht allein zu sein hob Özkan besonders hervor.
Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie, die dem Projekt seit 25 Jahren verbunden ist, las im Lilienhof anlässlich des 30. Geschwistertreffens die Geschwistergeschichte aus ihrem 2005 erschienenen Buch „Manchmal ist Jonas ein Löwe“. Seit 1987 nimmt sie einmal pro Jahr an den Geschwisterseminaren teil. „Auch für mich ist heute ein Anlass zu feiern, denn es ist großartig, dass es die Geschwisterseminare seit 30 Jahren gibt“, lobte sie. Auch nach dieser langen Zeit ist Boie immer wieder davon beeindruckt, wie die Menschen mit der Situation, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, umgehen. Sie sprach ihre Bewunderung für Menschen mit Behinderung und deren Geschwister aus. „Es ist schwierig, kann aber gleichzeitig auch eine Bereicherung sein, Geschwisterkind zu sein“, fasste sie zusammen.
Geschwister treffen sich schon seit 30 Jahren
c/c: Wümme-Zeitung v. 21.11.2012
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