Täglicher Frust an der Schranke

Jede Stunde rauscht der Regionalexpress vorbei, zwischendurch rattern Güterzüge über die Gleise, ein Containerwagen nach dem anderen, eine scheinbar endlose Kette. Autofahrer fluchen, wenn sich die Schranken in der Bremer Straße wieder senken. Oft bleiben sie geschlossen, weil Minuten später der nächste Zug folgt. Das stadtbekannte Problem könnte gelöst werden – durch eine Unterführung. Doch die steht in den Sternen – sie dürfte weit mehr als zehn Millionen Euro kosten.

VON MICHAEL WILKE
Osterholz-Scharmbeck. Torsten Rohde ist nicht der erste, der die Untertunnelung der Bahnlinie in der Bremer Straße vorantreiben will. Das haben andere vor ihm versucht – ohne Erfolg. Rohde ist Dezernent im Rathaus der Stadt und Bürgermeisterkandidat. CDU und FDP, die Grünen und die Bürgerfraktion unterstützen den Parteilosen bei seinem Vorstoß. Heute Abend um 18 Uhr wird der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion in der Stadt erwartet. Die Osterholzer wollen Dirk Toepffer für das Problem „sensibilisieren“, wie Rohde sagt. Der Gast soll sich in Hannover für eine Unterführung stark machen.
Die Zahl der Güterzüge dürfte weiter steigen, auch das spricht für eine Unterführung. Rohde weist auf das Gewerbeareal gleich neben den Schienen hin. Dort gibt es einen Fliesenmarkt, das Verteilzentrum der Post und kleinere Firmen. In der Halle des Holzmarktes will sich der Restposten-Anbieter Jawoll einquartieren. Dahinter nutzt der Grillhersteller Landmann Hallen, die der Handelsgold-Zigarrenproduzent André vor Jahrzehnten aufgegeben hat. Ohne Schranken könnte die Stadt das Gewerbeareal besser vermarkten.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt hat sich vor vier Jahren um das Problem gekümmert und mit dem Bevollmächtigten der Deutschen Bahn AG gesprochen. Er stieß auf offene Ohren und sah „positive Signale“ (wir berichteten). Vier Jahre später heben und senken sich die Schranken wie eh und je. Ein Millionenprojekt wie die Unterführung in der Bremer Straße hat nur dann eine Chance, wenn alle Geldgeber mitziehen. Ohne Fördermittel von Bund und Land kommt die hoch verschuldete Stadt nicht weiter. Grundsätzlich müsste die Bahn für alle Arbeiten an den Gleisanlagen aufkommen, der Landkreis für den Straßenbau und die Stadt für die Fuß- und Radwege. 
Bevor eine Initiative in Gang kommt, ist der Landkreis gefragt – die Bremer Straße ist eine Kreisstraße. „Jeder geschlossene Bahnübergang ist gut für die Verkehrssicherheit und den Verkehrsfluss“, betont die Landkreis-Sprecherin Jana Lindemann. Daher würde es der Landkreis „begrüßen und sich Gesprächen nicht verweigern, wenn die Bahn den Bau von Über- oder Unterführungen entlang der stark frequentierten Schienentrasse Bremerhaven – Bremen in Betracht ziehen würde.“
Dem grundsätzlichen Begrüßen folgt das Aber. Für den Bau von Unterführungen sei „ein sehr aufwendiges Planverfahren erforderlich“, das die Deutsche Bahn AG als „Vorhabenträgerin“ einleiten müsste. Bahn und Bund müssten die nötigen Finanzmittel bereitstellen. Bisher seien der Kreisverwaltung weder entsprechende Überlegungen noch „belastbare Finanzplanungen“ bekannt.
Selbst wenn es irgendwann Zuschüsse für den Bau von Bahnunterführungen geben sollte, hieße das noch lange nicht, dass der Bahnübergang in der Bremer Straße beseitigt würde. Denn dann würden nach Kreisangaben auch die drei Bahnübergänge in Ritterhude, Oldenbüttel und Lübberstedt in den Fokus rücken. Zu prüfen wären die Verkehrsbelastung und „örtliche Beseitigungsbedürfnisse“, betont der Kreis. Das gelte vor allem für den „besonders stark belasteten Bahnübergang an der L 151 in Ritterhude.“ Zu berücksichtigen sei auch, dass es im Stadtgebiet schon die „zentral gelegene“ und verkehrstechnisch „gut ausgebaute“ Unterführung in der Osterholzer Straße gebe. 
Die Verkehrsbelastung der Bremer Straße stuft der Landkreis als durchschnittlich ein. 2011 wurden binnen 24 Stunden 4100 Autos und 400 Lastwagen gezählt.
„Die Stadt wünscht sich die Tunnellösung“, sagt der Baudezernent Jörg Fanelli. Das habe die Stadt „im Rahmen der langfristigen verkehrstechnischen und raumordnerischen Maßnahmen schon angemeldet.“ Fanelli glaubt nicht, dass die Unterführung kurz- oder mittelfristig zu realisieren ist: „Es geht um einen zweistelligen Millionenbetrag, das muss man realistisch sehen.“ Der Baudezernent weiß auch, dass die Osterholzer nicht die einzigen sind, die den Finger heben. Viele Kommunen streben nach Unterführungen, um beschrankte Bahnübergänge loszuwerden.

 


Wieder sind die Schranken unten, die blauen Triebwagen der Nordwestbahn sorgen dafür, dass der fließende Verkehr auf der Bremer Straße ins Stocken kommt. Je länger die Schranken unten bleiben, desto länger wird der Stau. FOTO: CHRISTIAN VALEK
 
Osterholzer Kreisblatt vom 10.04.2014
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