Was das Ende des Bundesförderprogramms „Sprach-Kitas“ für die Einrichtungen bedeutet

Ende des Förderprogramms

Sorge um die Qualität in den Kitas

Achim. „Diese Einrichtung beteiligt sich am Bundesprogramm ,Sprach-Kitas‘“ steht auf einem weißen Schild, das am Eingang der Kita Achimer Schlaumäuse angebracht ist. Lange wird dieses Schild dort allerdings nicht mehr hängen. Denn das Förderprogramm soll zum Ende des Jahres auslaufen – wenn die Bundesregierung bei ihren aktuellen Plänen bleibt. Lars Niclas, Leiter der Kita Achimer Schlaumäuse, kann diesen Schritt nicht wirklich nachvollziehen. „Im Prinzip bräuchten wir die zusätzliche Kraft in Zukunft mehr denn je“, sagt er.

Und Niclas weiß, wovon er redet. Immerhin ist die Kita im Magdeburger Viertel bei dem Förderprogramm ein „Kind der ersten Stunde“. „Wir sind bereits 2011 zusammen mit der Kita Mitte und der Kita in Uphusen in ein Leuchtturmprojekt mit dem Thema Sprache und Vielfalt eingestiegen“, berichtet Niclas. Voraussetzung war damals, dass man in seiner Einrichtung einen hohen Schnitt an Familien mit Migrationshintergrund hatte. „Wir haben über das Programm dann eine zusätzliche halbe Stelle für eine Fachkraft bewilligt bekommen.“ Die Kita Mitte und Uphusen teilten sich ebenfalls eine halbe Stelle.

2016 wurde dann das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ ins Leben gerufen. Über dieses Förderprogramm haben die Kita Mitte, die Schlaumäuse und die Kita in Baden nun jeweils eine halbe Stelle für einen Sprachexperten. „Die Stelle wurde immer für zwei Jahre bewilligt“, sagt Niclas. „Wir stecken nun also im dritten und leider auch letzten Zyklus.“ Dabei sei das Thema Sprachförderung in den Kitas sehr wichtig und werde sogar immer wichtiger. Denn bedingt durch den Fachkräftemangel lasse die Qualität in den Kitas immer mehr nach.

Diese Sorge hat auch Silke Jonas, Leiterin der Kita Achim-Mitte. Statt ausgebildeter Erzieher gebe es in den Einrichtungen immer mehr Sozialassistenten. Denen sei aufgrund ihrer verkürzten Ausbildung allerdings einiges Wissen in diesem Bereich schlichtweg nicht vermittelt worden. „Sie müssen das dann erst in der Praxis lernen“, erklärt Jonas das Problem. „Wir müssen sie im Grunde in einigen Bereichen selbst nachqualifizieren und dafür brauchen wir eine Fachkraft.“ Genau das hätten bisher auch die Sprachexperten übernommen. „Zu Beginn des Programms wurde natürlich viel mit den Kindern direkt gearbeitet, aber mittlerweile gehört auch die Schulung des Teams zu den Aufgaben.“ Das sei aber mit dem Wegfall der Sprachexperten auch nicht mehr zu leisten. „Wir wären beim Thema Sprachförderung sicherlich noch nicht so weit, wenn es das Förderprogramm nicht gegeben hätte“, ist Niclas überzeugt. Diese zusätzliche Ressource habe einiges bewirkt. „Ich habe daher die große Befürchtung, dass die Qualität in den Kitas nicht besser wird.“ Der Wegfall des Förderprogramms werde sich hier negativ auswirken, „weil wir schlichtweg die Manpower nicht mehr haben“. Doch genau jetzt würde diese Manpower dringend benötigt, denn gerade während der Corona-Pandemie sei auch viel im Bereich Sprachförderung verloren gegangen, weil einige Kinder lange gar nicht in den Einrichtungen waren.

„Sparen am falschen Ende“

Dieses Problem sieht auch der hiesige CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt, der das Förderprogramm seinerzeit als zuständiger Haushälter des Familienministeriums gemeinsam mit der damaligen Familienministerin Kristina Schröder initiiert und ins Leben gerufen hatte und das Ende des Programms erwartungsgemäß kritisch sieht. „Das kann man nur als Sparen am falschen Ende bezeichnen“, sagt er. „Nicht nur, dass es nach zwei Jahren Pandemie ohnehin viel aufzuholen gibt, sondern die frühkindliche Sprachbildung ist für viele Kinder aus sozial schwachen Familien und Familien mit Migrationshintergrund extrem wichtig zur gesellschaftlichen Integration und um den Kindern weitere Bildungschancen zu ermöglichen.“  Wie es nach dem Ende des Bundesprogramms mit dem Thema Sprachförderung weitergeht, steht indes noch nicht fest. „Zunächst einmal wird es die Aufgabe der Leitungen sein, das Thema in den eigenen Einrichtungen wach zu halten“, vermutet Niclas. Er hofft allerdings darauf, dass der Bund den Ländern nach dem Ende des Programms mehr Geld für die Kitas zur Verfügung stellt und sie dann individuell in dem Bereich etwas machen können. Doch bis das soweit ist, werde es vermutlich noch einige Zeit dauern.

„Ich hatte gehofft, dass das Programm vielleicht mit einem anderen Schwerpunkt wie etwa dem Aspekt Bewegung noch weitergeht“, sagt Jonas insbesondere mit Blick auf die Fachkräfte, denen nun eine Perspektive fehle. „Auf diese Weise hätten wir die Experten in unseren Häusern behalten können.“ Für sie ist die Zukunft nun aber ungewiss.

ZUR SACHE

Fünf „Sprach-Kitas“ im Nordkreis

Niedersachsenweit gibt nach Angaben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend rund 750 Einrichtungen, die vom Programm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ gefördert werden. Für das Programm wurde in der Vergangenheit bereits über eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt. Im Verdener Nordkreis waren zuletzt fünf Einrichtungen Teil des Förderprogramms. Das sind die Kita Achimer Schlaumäuse, die Kita Achim-Mitte, die Kita Baden, die Kita Am Berg in Oyten und die Evangelisch-lutherische Kindertagesstätte Ottersberg.

VN vom 29.07.2022