Weiteres Erdbeben erschreckt Menschen

Vom Erdstoß am Donnerstagabend war vor allem die Achse Kirchlinteln-Walle-Völkersen-Daverden betroffen. Verden ist offenbar nur von den Ausläufern gestreift worden. Das Epizentrum lokalisierte die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) „am Rande des Erdgasfeldes Völkersen“. Ein Zusammenhang zwischen dem Beben der Stärke 2,9 und der Erdgasförderung könne nicht ausgeschlossen werden, so die BGR. Schon am 2. Mai 2011 habe es im selben Gebiet ein Beben der Stärke 2,5 gegeben.

VON ANKE LANDWEHR
Verden·Langwedel. Der Bürgermeister von Langwedel, Andreas Brandt, hatte es sich zu Hause in Völkersen gerade gemütlich gemacht, als er ein lautes Grollen hörte. „Das klang, als würde ein Panzer vorbei rollen.“ Dann ein Knirschen und Quietschen, im Schrank gerieten die Gläser in Bewegung. „Das hat ganz schön geklötert“, sagt Brandt.

Die Uhr zeigte exakt 21:38:12 Uhr an, als die Erde im Raum Langwedel-Verden-Kirchlinteln zu beben begann. Viele Menschen erschraken – die einen mehr, die anderen weniger. In Walle gerieten Hildegard und Dieter Brettschneider, ein schon betagteres Ehepaar, fast in Panik, als sich unter ihnen die Sessel bewegten und Bilderrahmen umfielen. Zugleich hörte das Paar ein Donnern. „Wir haben an eine Verpuffung im Schornstein gedacht oder dass der Öltank explodiert sein könnte“, schildert Dieter Brettschneider das Erlebnis. Sie hätten dann nachgeschaut, nichts entdecken können und sich wieder beruhigt.

Rolf Korb, Hauptamtsleiter in Langwedel, wurde dagegen nicht einmal nervös, als er in seinem Haus in Daverden zuerst ein Grummeln und dann einen Knall vernahm. „Ich habe mir gleich gedacht, dass es sich um einen Erdstoß handelt, mir aber keine Sorgen gemacht.“ Trotzdem sei er nach draußen gegangen und habe dort Nachbarn getroffen, die den Geräuschen ebenfalls auf den Grund gehen wollten.

Auch in Holtebüttel, nicht weit von der Erdgasförderstätte der RWE Dea entfernt, trieb es die Menschen vor die Tür. Johanne Intemann: „Das hat ganz schön gerummst. Wir dachten zuerst, unsere oben wohnende Tochter und ihr Mann hätten was fallen lassen. Dann überlegten wir, ob die RWE Dea vielleicht gesprengt hat.“

Bürgermeister Brandt inspizierte erstmal sein Haus. „Ich wollte gucken, ob Leitungen oder Rohre geborsten sind.“ Was nicht der Fall war. Danach griff er zum Telefonhörer und rief die Rettungsleitstelle im Kreishaus an, wo das Beben ebenfalls wahrgenommen wurde, aber keine weiteren Auskünfte zu bekommen waren. Der nächste Anruf galt Sven Burmester. Auch der Leiter des RWE-Dea-Förderbetriebs hatte keine näheren Informationen.

Konzernsprecherin Carolin Flemming erklärte gestern auf Anfrage, das Beben habe keinerlei Störungen an den Anlagen bewirkt. Aus dem von der Erdgasbranche installierten seismischen Messsystem lägen noch keine ausgewerteten Daten vor. „Zur Ursache können wir deshalb noch nichts sagen“, so Flemming. Sobald es Neuigkeiten gebe, würden sie auf der Seite www.buergerinfo-voelkersen.de veröffentlicht.

In Kirchlinteln machte sich der Erdstoß offenbar nur im westlichen Teil der Ortschaft bemerkbar. Klaus Merkle hatte in seinem Haus am Eichendorffweg den Eindruck, als hätte jemand „ein 100-Tonnen-Gewicht herunter plumpsen“ lassen. „Der Fußboden bebte, das Dach gab Geräusche von sich.“ Im Ortskern, nur wenige Hundert Meter entfernt, saß derweil Landwirt Joachim Köhler mit seiner Familie zusammen. „Von uns hat keiner was mitgekriegt.“

In der Gemeindeverwaltung gingen einige besorgte Anfragen ein, Bürgermeister Wolfgang Rodewald selbst macht sich so seine Gedanken. „ Wenn Zusammenhänge mit der Erdgasförderung auch immer bestritten werden, muss man da nun doch mal genauer hinschauen“, meint Rodewald. Nach seinem Eindruck gehe das Landesbergamt mit seinen Genehmigungen „etwas zu lässig“ um. „Wenn der Mensch so massiv in die Natur eingreift, kann man sich kaum vorstellen, dass das ohne Folgen bleibt“, so Kirchlintelns Bürgermeister.

Für die Völkerser Bürgerinitiative „No Fracking“ ist das so sicher wie das Amen in der Kirche. Ihr Sprecher Andreas Noltemeyer: „Beim Fracking baut sich in der Erde Druck auf, irgendwo muss der ja hin.“ Für Behauptungen sei es vor Auswertung der Daten allerdings noch zu früh. Noltemeyer hat das Beben selbst hautnah zu spüren bekommen: „Wir saßen in der Stube, als es plötzlich fürchterlich rumpelte. Das war ein Schock in der Abendstunde, der die Leute wachgerüttelt hat. Spätestens jetzt wissen sie, dass die Arbeit unserer Initiative kein Spinnkram ist.“

Bei Noltemeyer klingelte nach dem Erdstoß unablässig das Handy. Eine Frau aus Holtebüttel berichtete ihm, dass in ihrem Haus eine Fensterscheibe geborsten sei. Er habe ihr geraten, sich an den Infopoint der RWE Dea in Schülingen zu wenden. Dem Ordnungsamt in Langwedel wurde ebenfalls aus Holtebüttel gemeldet, dass Dachziegel heruntergefallen seien.

Von weiteren Schäden weiß auch Landrat Peter Bohlmann nicht. Als Gefahrenabwehrbehörde bleibe der Landkreis mit dem Landesbergamt im Gespräch, um die Ursache für das Beben zu erfahren. Er selber habe davon nichts gemerkt, so Bohlmann. Er wohnt in Cluvenhagen.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt (Völkersen) befand sich in Berlin, erfuhr aber noch am selben Abend von dem Ereignis. Auch ihm dränge sich der Eindruck auf, dass es einen Zusammenhang zwischen Erdbeben und Erdgasförderung geben könnte, so der Politiker. Deshalb habe er das Landesbergamt um schnelle Aufklärung gebeten und gefragt, ob weitere Erdstöße zu befürchten seien. „Es ist nicht das erste Beben in den vergangenen Jahren, und das in einer Region, in der nahezu keine tektonischen Bewegungen stattfinden“, so Mattfeldt. Außerdem vermute er, dass das Beben stärker war als angegeben.

Anwohner können ihre Beobachtungen der Erdbebenstation Bensberg (Universität Köln) melden. Die Angaben würden für eine zusätzliche Bestimmung des Epizentrums und zur Abschätzung der Auswirkungen des Erdbebens genutzt, so das BGR. Ein entsprechender Fragebogen steht auf der Internet-Seite www.seismo.uni-koeln.de/makro/mailformular.htm.

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