Berlin erleben heißt Geschichte erleben

  • Andreas Mattfeldt (Mitte) führte die Besuchergruppe aus dem Landkreis Osterholz durch den Bundestag. FOTOS: FR
  • Mit so einem Transporter vom Typ Barkas Bus wurden Gefangene transportiert.

Gruppe aus Lilienthal und Osterholz-Scharmbeck zu Besuch auf dem historischen Balkon des Reichstages

Lilienthal.

Einer der Höhepunkte der Studienreise nach Berlin vom 8. bis 10. Juli 2015 war für eine Gruppe von Lilienthalern und Osterholzern ohne Zweifel der Besuch des Reichstages, in dem sich auch der Deutsche Bundestag befindet. Der CDU-Bundestagsabgeordnete, Andreas Mattfeldt, der zu dieser informativen und abwechslungsreichen Studienfahrt einlud – organisiert und finanziert vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung –, führte die 48 Personen durch das Reichstagsgebäude und gab dabei Einblicke in die wichtigen Epochen dieses geschichtsträchtigen Gebäudes. Selbst auf dem historischen Balkon durften die Gäste stehen. Von dort verkündete Philipp Scheidemann während der Novemberrevolution am 9. November 1918 den Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches und proklamierte die Deutsche Republik.

Eines der bedeutendsten Ministerien in Berlin ist ohne Zweifel das für Wirtschaft und Energie. Dort, in der Scharnhorststraße 36, empfing Tobias Dünow, Pressesprecher von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, die Gruppe. Nach einem kurzen Einblick in den Aufbau sowie in die Zuständigkeiten dieses Ministeriums folgte ein sehr offenes und konstruktives Gespräch. Vor allem Fragen zur Renten- und Gesundheitspolitik wurden angesprochen. Einig waren sich die Gesprächsteilnehmer, dass die gesetzliche Rente zukünftig nicht – auch aufgrund der demografischen Entwicklung – ausreichen wird. Diskutiert wurde stärkere Förderung privater Altersvorsorge und Betriebsrenten.

Kritisch setzten sich die Teilnehmer auch mit der „Niedrigzinspolitik“ der EZB auseinander. Auch gemeinnützige Stiftungen haben erheblich darunter zu leiden. Einen kurzfristigen Kurswechsel wird es nicht geben, erläuterte Tobias Dünow, zumal die Zinspolitik von der EZB gesteuert wird.

Breiten Raum in der Diskussion nahm auch das in Vorbereitung stehende TTIP- Abkommen ein. Durch den Abbau von Zöllen und anderen Handelsbarrieren soll der wirtschaftliche Austausch zwischen der EU und den USA erleichtert werden. Dieses Abkommen soll auch weltweit Maßstäbe bei Themen wie Nachhaltigkeit, Gesundheits-, Verbraucher- und Arbeitnehmerschutz setzen.

Selbst, dass das Projekt „Straßenbahn Linie 4“ in Lilienthal einen erfolgreichen Abschluss gefunden hat, blieb in der Hauptstadt nicht unbekannt. Doch dieses Wissen hatte Tobias Dünow mehr einem persönlichen Hintergrund zu verdanken.

Der Besuch des Stasigefängnisses Hohenschönhausen brachte die Gruppe von Lilienthalern und Osterholzern sehr zum Nachdenken. Das Gelände, aufgebaut wie eine kleine eigene Stadt und von einer hohen Mauer umringt, wurde während des zweiten Weltkrieges als Gefangenenlager genutzt und nach dem Krieg erst von der Sowjetunion und ab 1951 von der Stasi als Zuchthaus beziehungsweise Gefängnis genutzt. Heute ist es Mahnmal und Museum, alle Gebäude blieben unverändert.

Die Zeitzeugin Siggi Grünewald, die dort vom 16. November 1981 bis zum 3. Februar 1982 und später in der Stasihaftanstalt Bautzen II bis zum 16. September 1982 die schrecklichste Zeit ihres Lebens verbrachte, führte die Gruppe durch das ganze Areal.

Siggi Grünewald kam aus dem Westen und hatte bei einem Besuch in der DDR einen jungen Mann verliebt. Leider war ihre Aufenthaltsgenehmigung immer nur auf wenige Tage begrenzt. Da es immer schwieriger wurde, nach Ost-Berlin einzureisen, stellte der Verlobte insgesamt drei Anträge auf Ausreise in den Westen. Alle wurden abgelehnt. Eine Fluchthilfeorganisation sollte Siggi Grünewalds Verlobten in den Westen holen. Doch das schlug aufgrund einer Autopanne fehl. Siggi Grünewald wurde in Ost-Berlin verhaftet.

Im Gefängnis gab es Gefängniszellen aller Art: Zellen mit Tageslicht, Zellen mit Glasbausteinen, Gummizellen, sowie das sogenannte U-Boot. U-Boot hieß der gesamte Zellentrakt, der sich komplett unter der Erde befand. Dort gab es kein Tageslicht. Zu essen gab es dort nur Wasser und Brot und später dann auch einmal eine dünne Suppe. Nach vielem Hin und Her kam für Siggi Grünewald irgendwann die Gerichtsverhandlung, bei der sie wegen staatsfeindlichem Menschenhandel zu fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt wurde. Ihr Verlobter, Dietmar, wurde ebenfalls verurteilt. Nach zehn Monaten wurden beide von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Man kann uns nur wünschen, dass wir von solchen Zuständen verschont bleiben.

Wümme Zeitung 26.07.2015

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