Wirtschaftsstandort Deutschland: Zukunftsorientiert denken und die richtigen Weichen stellen

Trotz steigender Ausgaben für Forschung und Entwicklung ist die Arbeitsproduktivität in Deutschland deutlich gesunken. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Auftrag der Bertelsmann Stiftung in diesem Jahr durchgeführte Studie zum Thema technologische Innovation und inklusives Wachstum in Deutschland. Demnach steht die Abnahme der Produktivität im direkten Zusammenhang mit einer generellen Abnahme der Innovationskraft der deutschen Wirtschaft. Ein aus meiner Sicht durchaus besorgniserregendes Ergebnis, das wir als Weckruf zum Handeln verstehen sollten.

Mit seiner Exportstärke und technologischem Knowhow genießt Deutschland als Industriestandort weltweit hohes Ansehen. „German Engineering“ steht seit Jahrzehnten für Qualität, Verlässlichkeit und Innovation. Es wäre jedoch fatal, sich angesichts dieser Prädikate auf dem bisher erreichten Standard auszuruhen. Angesichts der Schnelllebigkeit unserer globalisierten Welt sind Investitionen in unsere verkehrliche wie auch digitale Infrastruktur wichtiger denn je. Manch einer befürchtet bereits, dass Deutschland in einigen Zukunftsindustrien wie der IT- und Hightech-Industrie oder auch der Halbleiter-Branche schon heute dabei ist, den Anschluss zu verlieren. So scheinen die Innovationsstätten und Ideenschmieden schon lange eher im nordamerikanischen Silicon Valley oder dem asiatischen Raum als bei uns zu liegen. Ob aber Anleger ihr Geld in Deutschland investieren und damit wiederum Arbeitsplätze schaffen, hängt davon ab, welche Gegebenheiten sie bei uns im Land vorfinden, sowie von den Gewinnen, die sie hierzulande erwarten können. Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, muss Deutschland als Wirtschaftsstandort unbedingt attraktiv bleiben und günstige Voraussetzungen für nationale wie auch internationale Unternehmen schaffen.

Was wir meines Erachtens dafür brauchen, ist eine sektorübergreifende, langfristig ausgelegte Innovationspolitik. Damit Deutschland im Hinblick auf Prozess- und Produktinnovationen international wettbewerbsfähig bleibt, braucht es von Seiten der zukünftigen neuen Bundesregierung dringend investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen, Investitionen in die Infrastruktur des Technologie- und Wissensstandortes Deutschland und vor allem einen Abbau von Bürokratie. Auch dem vielerorts bereits heute schwerwiegenden Fachkräftemangel, der sich in den kommenden Jahren immer stärker zeigen wird, müssen wir klug und breitenwirksam begegnen. Um den Anschluss nicht zu verpassen brauchen wir endlich – wie mittlerweile fast parteiübergreifend gefordert – ein geregeltes Zuwanderungsgesetz, welches klar vorgibt, wer in Deutschland dauerhaft leben und arbeiten soll.

Ein besonders wichtiges Zukunftsthema ist vor allem die rasant voranschreitende Digitalisierung, die enorme Potentiale birgt, aber auch bei vielen noch immer Unbehagen hervorruft. Zu Unrecht, wie die Entwicklungen der vergangenen Jahre gezeigt haben: Laut Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft weist Deutschland mittlerweile die dritthöchste Roboterdichte der Welt auf und hat dennoch zur gleichen Zeit einen neuen Beschäftigungsrekord aufgestellt. In der Autoindustrie oder auch im Maschinenbau hat die Automatisierung zu einer enormen Effizienzsteigerung beigetragen und dazu, dass sich die hiesigen Hersteller im weltweiten Wettbewerb behaupten konnten. Die Befürchtung, dass durch Maschinen zukünftig vor allem Arbeitsstellen für geringfügiger Qualifizierte wegrationalisiert werden könnten, hat sich also bisher nicht bewahrheitet. Voraussetzung für eine zukunftsfähige Entwicklung ist aber auch hier, die entsprechenden Strukturen zu schaffen. Zentral ist dabei vor allem der flächendeckende Ausbau der digitalen Infrastruktur mittels Glasfasertechnologie in Gigabitgeschwindigkeit bis 2025.

Parallel zur Digitalisierung müssen wir außerdem in unsere zukünftigen „Köpfe“ investieren. Zum einen heißt das, unseren jungen, gut ausgebildeten Absolventinnen und Absolventen Anreize zu geben, nach ihrem Abschluss in Deutschland zu arbeiten, anstatt wie heute oftmals üblich aufgrund lukrativerer Stellen in Unternehmen und Forschungseinrichtungen ins Ausland abzuwandern. Zum zweiten brauchen wir ein solides Fundamt aus Schul- und Berufsausbildung sowie einem guten System der dualen Ausbildung, um qualifizierte Arbeitskräfte in hoch spezialisierten Bereichen auszubilden und gezielt auf ihre zukünftigen Aufgaben vorzubereiten. Und zum dritten dürfen wir auch das Handwerk und unsere Landwirtschaft nicht vernachlässigen, in dem schon seit Jahren ein großer Fachkräftemangel herrscht. Dieser ist aus meiner Sicht vor allem darauf zurückzuführen, dass einer zu hohen Zahl von jungen Leuten viel zu lange fälschlicherweise vermittelt wurde, in einem wissenschaftlichen Studium läge die Garantie für späteren beruflichen Erfolg, während die klassischen Ausbildungsberufe klar vernachlässigt und wenig attraktiv präsentiert wurden. Dadurch stehen wir heute vielerorts vor der Situation, viele vor allem geisteswissenschaftlich ausgebildete Absolventinnen und Absolventen in prekären Arbeitsverhältnissen zu haben, während es in vielen Orten eine Herausforderung darstellt, einen Zimmermann, Elektriker, Schweißer oder auch einen landwirtschaftlichen Betriebsleiter oder Bäcker zu finden. Ein Fehler, wie sich uns heute zeigt.

Es gilt, international zu denken, aber zugleich lokal zu handeln. Gerade hier liegt auch unsere Stärke. Eine Besonderheit der deutschen Wirtschaftskraft liegt seit jeher in ihrem starken Mittelstand, dem mehr als 99 Prozent der deutschen Unternehmen zuzurechnen sind. Laut Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft bilden Klein- und Mittelbetriebe bei uns acht von zehn Azubis aus, beschäftigen zuverlässig 60 Prozent der Arbeitnehmer und machen rund 98 Prozent der insgesamt 350 000 deutschen Exporteure aus. 1300 dieser mittelständischen Unternehmen zählen gar als sogenannte „Hidden Champions“ zu den Weltmarktführern. Diese Betriebe müssen wir noch mehr unterstützen, denn sie sind das Fundament unseres wirtschaftlichen Erfolges und Wohlstandes. Dazu gehört zum Beispiel auch ganz konkret, unsere deutschen Auslandshandelskammern in ihrer Arbeit zu stärken. Diese leisten vor Ort gute Arbeit und sind meist hervorragend vernetzt. Als Unternehmer kann ich anderen mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmern, die Zugang zu ausländischen Märkten suchen, nur raten, die Dienste der Kammern zur Einschätzung der Gegebenheiten vor Ort, zur Herstellung von Kontakten oder auch zur Unterstützung bei Auslandsmessen in Anspruch zu nehmen.

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