Wo der Wald wieder Wildnis werden wird

  • Wolfgang Löwe (links) und Ulrich Diener entwickeln ein Leitbild für den Bremer Wald.
  • Die Karte gibt einen Überblick über die Baumbestände im Bremer Wald.
  • Auf dem Muna-Gelände befinden sich rund 60 alte Munitionsbunker. FOTOS: LUTZ RODE
  • Quer durch den Wald des alten Militärgeländes verlaufen auch Gleise.
 

NATIONALES NATURERBE: NEUE PLÄNE FÜR DAS ALTE MUNA-GELÄNDE LÜBBERSTEDT

VON LUTZ RODE

Das Waldgebiet der alten Muna Lübberstedt soll zum Nationalen Naturerbe erklärt werden. Doch was ist das für ein Gelände, das sich hinter den Zäunen befindet? Was macht es so schützenswert? Die Mitarbeiter des Bundesforstes wissen es, denn die Abteilung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben kümmert sich schon lange um die Liegenschaft und entwickelt bereits Ideen, wie der Wald behutsam umgestaltet werden kann. Die Zeit der forstwirtschaftlichen Nutzung läuft ab, die Natur soll sich künftig frei entfalten können. Westlich des Lübberstedter Bahnhofs soll ein Stück Wildnis entstehen.

Wolfgang Löwe, Chef des Bundesforstbetriebs in Soltau-Fallingbostel, und Ulrich Diener als zuständiger Revierförster in Wohlthöfen, haben sich Zeit für eine Rundtour durch den Wald genommen. Dort stehen heute vor allem Fichten und Kiefern – sie machen rund 80 Prozent des Baumbestandes aus. Buchen und Eichen sind in der Minderheit, doch eigentlich müsste es genau andersherum sein. Denn Nadelhölzer gehören nicht in die Landschaft. Fichte und Co. finden mit ihren flachen Wurzeln nur schwachen Halt im feuchten Untergrund. Nicht standortgerecht, sagen die Förster.

Die Männer vom Bundesforst machen sich bereits Gedanken darüber, was im Bremer Wald passieren soll, wenn er Nationales Naturerbe ist. Sie sind dabei, erste Ideen für ein Leitbild zu entwickeln, das mit dem Bundesamt für Naturschutz abgestimmt werden soll. Schon jetzt ist klar: Beim Baumbestand wollen die Forstleute umsteuern. Eichen und Buchen sollen sich verstärkt ausbreiten und die Fichten und Kiefern zurückdrängen. An einen Kahlschlag denken die Männer vom Bundesforst dabei nicht – behutsam wollen sie die natürliche Entwicklung auf dem alten Militärgelände ankurbeln. „Licht, Boden und Wasser sind die Parameter, mit denen wir arbeiten“, sagt Wolfgang Löwe, der sich bereits um andere ältere Naturerbeflächen in der Region kümmert.

Mit der forstwirtschaftlichen Nutzung des Waldes, wie es sie auf dem Gelände gegeben hat, wird es nach der Ausweisung der Fläche zum Naturerbe vorbei sein. Rund 90 000 Festmeter Holz stecken laut Bundesforstbetrieb im Bremer Wald, auf dessen Vermarktung künftig verzichtet werden soll. Was das heißt, macht Ulrich Diener deutlich, als er eine stattliche Eiche in den Blick nimmt. „Hier stehen etwa 1000 Euro vor uns“, sagt er und zählt die Meter hinauf bis zur Krone. Wirtschaftlich interessant sind auch Fichten, Kiefern, Douglasien oder Lärchen. „Die Holzindustrie braucht Nadelholz“, sagt Ulrich Diener. Durch die Ausweisung des Waldes als Nationales Naturerbe werde der Bund auf Einnahmen verzichten. „Der gesellschaftliche Wert des Waldes wird höher eingeschätzt“, fasst es Wolfgang Löwe zusammen.

70 Jahre militärische Nutzung haben ihre Spuren im Bremer Wald hinterlassen: Schuppen, Häuser, asphaltierte Plätze, Gleise sind dort in größerer Zahl vorhanden. Ein bisschen scheint es so, als sei die Zeit stehen geblieben. Und dann sind da ja noch die alten Munitionsbunker aus der Nazi-Zeit, etwa 60 an der Zahl. Einige wurden bei Kriegsende gesprengt, und das ist ein Problem. Denn im Wald liegen bis heute Trümmer. Betonreste und Moniereisen ragen aus dem Boden und stellen beim Betreten eine Gefahr dar. Für den Bundesforst führt kein Weg daran vorbei, dass diese Altlasten für die Entwicklung des geplanten Nationalen Naturerbes verschwinden müssen. Auch Gleise und Gebäude sollen, wo es sinnvoll und möglich ist, zurückgebaut werden. Schon jetzt ist klar: Das wird ein Kraftakt, auch in finanzieller Hinsicht. Um das hinzubekommen, will der Bundesforst auch mit dem Landkreis Osterholz kooperieren, etwa wenn es um Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen geht, die vorgeschrieben sind, wenn anderswo bei Bauprojekten Eingriffe in die Natur vorgenommen werden. „Der Landkreis hat sich mit dafür eingesetzt, dass der Wald Naturerbe wird. Wir hoffen, dass er uns auch bei Gestaltung der künftigen Entwicklung unterstützt“, sagt Löwe.

Das frühere Militärgelände ist von einem Zaun umgeben, und das wird wohl auch eine lange Zeit noch so bleiben. Eine baldige Öffnung werde es nicht geben, solange die Gefahrenquellen nicht beseitigt seien, sagen die Leute vom Bundesforstbetrieb. Angedacht sei jedoch, die wachsende Wildnis im Bremer Wald auf lange Sicht für Besucher erlebbar zu machen – in eingeschränkten, geregelten Bahnen.

Momentan haben es die Verantwortlichen eher mit ungebetenen Gästen zu tun: Das alte Militärgelände scheint manche Zeitgenossen magisch anzuziehen, immer wieder kommt es vor, dass des nachts Leute den Zaun überwinden dann auf dem Gelände die Türen der alten Bunker aufbrechen oder Fensterscheiben einschlagen. Zu holen ist dort allerdings schon lange nichts mehr.

Es sind wohl nicht nur die Baumbestände, die das frühere Militärgelände aus Sicht der Naturschützer so interessant machen. Kleinstmoore und zahlreiche natürliche und künstliche Gewässer sind Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten. Zwölf Löschwasserteiche, so berichtet Förster Ulrich Diener, gibt es im Gelände. Die Tour durch den Bremer Wald führt unter anderem auch zum Rosensee, der durch Sandentnahme im Gelände entstanden ist. Kamm- und Fadenmolch und auch der Moorfrosch wurden im Bremer Wald gesichtet, auch der Große Abendsegler, Uhu, Wespenbussard, Schwarzstorch, Schwarzspecht und Mittelspecht sollen dort laut Bundesamt für Naturschutz vorkommen.

Im Hamberger Rathaus und bei Axstedts Bürgermeister Udo Mester herrscht derzeit Rätselraten um die Zukunft des Bremer Waldes. Das rund 400 Hektar große Areal der alten Muna Lübberstedt soll Nationales Naturerbe werden, kündigte das Bundesumweltministerium im Juni an. Doch die Sache zieht sich hin, denn der Haushaltsausschuss des Bundestages muss noch entscheiden, wie mit dem Vermögen des Bundes umzugehen ist, sprich: an wen es übertragen wird.

„Alles ist im Fluss“, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt auf Nachfrage zum Stand des Verfahrens, das insgesamt 62 ehemalige Militärflächen in Deutschland betrifft. Mattfeldt, der dem Haushaltsausschuss angehört, bleibt derzeit nichts anderes übrig, als die Axstedter auf unbestimmte Zeit zu vertrösten. „Die Vorbereitungen laufen. Einen Termin, wann sich der Haushaltsausschuss mit der Sache befasst, gibt es noch nicht“, sagt Mattfeldt und bezieht sich auf die Auskünfte, die er von Staatssekretär Jens Spahn aus dem Bundesfinanzministerium zuletzt erhalten hat.

Etwas unübersichtlich ist die Lage auch deshalb, weil von anderer Stelle anderes zu hören ist. Beim Bundesforst geht man nämlich bereits davon aus, dass der Bremer Wald in der Muna Lübberstedt aller Voraussicht nach auch weiterhin im Bundesvermögen bleibt und auch künftig von ihm als Sparte der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) betreut wird.

Hambergens Erster Samtgemeinderat Friedhelm Lütjen hat bisher vergeblich versucht, von der Bima Näheres zu erfahren. Seine Anfrage ist bislang unbeantwortet geblieben. Zusammen mit den Axstedtern wäre die Samtgemeinde brennend daran interessiert, zu erfahren, was mit dem Gelände passiert. Das vor dem Hintergrund, dass sich die Axstedter aufgemacht haben, für den vorderen Teil des alten Bundeswehrgeländes einen Bebauungsplan auf den Weg zu bringen, der die gewerbliche Nutzung der alten Bundeswehrhallen auf eine solide rechtliche Grundlage stellen soll. Nur zu gern würde man im Hamberger Rathaus wissen, wo die Grenze zwischen der künftigen Naturerbe-Fläche und dem Gewerbe gezogen werden soll. Ginge es nach den Vorstellungen der Gemeinde, sollte eine gewerbliche Nutzung nicht in Höhe der jetzigen Turnhalle enden, sondern noch etwas darüber hinaus gehen.

(lr)

◼ Als Nationales Naturerbe werden Flächen in Deutschland bezeichnet, die seit dem Jahr 2000 als dauerhafte Naturschutzflächen gesichert werden. Zu der dritten Tranche dieser Gebiete, die der Bund dem Naturschutz widmen will, gehören unter anderem der Bremer Wald in der früheren Muna Lübberstedt sowie der Standortübungsplatz in Schwanewede. Insgesamt umfasst die Liste, die das Bundesumweltministerium im Juni 2015 veröffentlicht hat, 62 Gebiete mit einer Fläche von 31 000 Hektar. Überwiegend handelt es sich um ehemalige Militärflächen, die die Bundeswehr nicht mehr benötigt. Oft sind diese Flächen aus Naturschutzsicht besonders wertvoll, weil dort seltene Tier- und Pflanzenarten leben.

◼ Die Lufthauptmunitionsanstalt Lübberstedt (umgangssprachlich Muna Lübberstedt) war eine zwischen 1936 und 1945 bestehende Munitionsanstalt der deutschen Luftwaffe im Bremer Wald zwischen Lübberstedt und Bilohe. Von August 1944 bis April 1945 gehörte ein Außenlager des KZ Neuengamme zu der Muna. Bei Kriegsende wurden die wichtigsten Teile der Muna Lübberstedt von deutschen Truppen in die Luft gesprengt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gelände in den Händen britischer und amerikanischer Truppen und wurde später von der Bundeswehr übernommen. Sie nutzte den Platz als Munitionsdepot und als Materiallager. 2009 verließ die Bundeswehr das Gelände westlich des Lübberstedter Bahnhofs. Der Standort wurde geschlossen.

Osterholzer Kreisblatt vom 7.10.2015

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